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der krieg in der friedensbewegung
am 30. nov. 2002 organisierten wir zu dritt eine friedenskundgebung in zürich: „versöhnung statt krieg". aus diesem anlass entstand auch diese website. der irakkrieg stand bevor und wir wollten bewusst etwas für den frieden tun, statt gegen den krieg. aber wir hatten die rechnung ohne den wirt gemacht. in der friedensbewegung herrscht krieg, unausgesprochen zwar, auf leisen sohlen und von aussen unbemerkt. aber wenn man/frau etwas machen will, beisst man auf granit!

Dieser Artikel erschien im Zeit Punkt Nr. 68/69, März/Juni 2003

Und nun?
Ego-Kräfte in der Friedensbewegung
Über die Schwierigkeiten der Friedensarbeit, wenn nicht gerade Krieg herrscht


Von Werner Binder

Wenn die Friedensbewegung nicht Frieden in ihren eigenen Reihen schafft, wird sie ihr Ziel nicht erreichen. Dies konstatiert der Zürcher Friedensaktivist und Psychotherapeut Werner Binder aufgrund seiner Erfahrungen mit der Kundgebung «Versöhnung statt Krieg» vom letzten November in Zürich. Die grossen Organisationen zierten sich, die kleinen fühlten sich zu schwach.

Der Lichterumzug war friedvoll. Etwa drei- bis vierhundert Menschen kamen. Die verbliebenen tanzten zum Schluss zur temperamentvollen und sehnsüchtigen Musik der Gruppe «Tremotioni». Die Musikerinnen spielten unentgeltlich, wie alle die zur Kundgebung beigetragen hatten. Viele erlebten die Kundgebung als besinnlich und feierlich.
Gil Ducommun, Initiant des öko-spirituellen Parteiprojekts «Dynamik5» meinte anschliessend: «Die Wirkung strahlt wohl eher nach innen, als nach aussen: Dazu waren wir nicht zahlreich genug. Das zeigt uns die begrenzte Mobilisierungskraft, die die spirituell-politische Strömung zur Zeit aufweist.»

Wie es begann
Meine Anregung, in Zürich eine Friedenskundgebung zu machen wurde mit Zustimmung aufgenommen. Ich regte an, die Zürcher Gruppe von dynamik5 anzufragen, ob sie bereit sei, die Trägerschaft zu übernehmen. Ich vernahm, dass sich dort nur gedämpfter Enthusiasmus rege. Die Koordinationsgruppe von Holon äusserte sich sogleich einhellig, diese Aktion zu unterstützen.
Der Aufruf zur konkreten Mitarbeit blieb aber sowohl von den Holon-, wie auch von den dynamik5-Mitgliedern weitgehend unbeantwortet, bis auf zwei, die mit grosser Überzeugung ihre Mitarbeit anboten. So waren wir zu dritt. Und blieben es.
Wir versuchten alles Mögliche, das Organisationskomitee zu vergrössern. Vergeblich. Doch die Zusammenarbeit zwischen uns Dreien war grossartig. Wir setzten uns bis an die Grenze ein, eine kraftvolle Friedenskundgebung auf die Beine zu bringen.
Folgende kleine Organisationen sagten uns die Unterstützung zu: INWO, ReSos, Holon, dynamik5, die humanistische Bewegung, der Kulturraum Thalwil, Sebil, die City-Kirche, transForum, und zum Schluss noch der Schweiz. Friedensrat.

Einsamkeit
«Keine moralisierende Appelle!», sagte mir kürzlich ein Freund, «das schreckt ab!»
Und nun komme ich, klage und sage: Ja, wir haben uns verlassen gefühlt. Mehr noch als das weitgehende Ausbleiben tatkräftiger Mitarbeit enttäuschte uns der Mangel an Interesse. Kaum mal eine Nachfrage: Wie geht es? oder: Es ist gut, was ihr tut. Es gab aber auch Ausnahmen: die waren wie Honig. Die taten so gut! Die waren uns so wichtig.
Wir engagierten uns mächtig, verteilten Tausende von Flugblättern, schrieben Dutzende von Zeitungen und Radios an, versandten Hunderte von Mails, oft persönlich formuliert, führten unglaublich viele Telefone und sprachen, viele, viele Leute persönlich an. In solchen Phasen ist es einfach unwahrscheinlich hilfreich Echos zu bekommen. Interesse ist Energie.

Wie naiv!
Wir glaubten tatsächlich daran, grössere linke Kräfte unserer Gesellschaft in unser Vorhaben einbeziehen zu können.
Ein Exponent der SP und einer der «Erklärung von Bern» sagten uns unmissverständlich, dass der Kundgebungstext zu wenig scharf-politisch und zu wenig konkret politisch formuliert sei. Meist implizit, teilweise aber auch explizit wurde uns vorgeworfen, die Trägerschaft sei zu esoterisch-religiös.
Wir zeigten uns offen für textliche Änderungen. Das änderte aber nichts an der starken Skepsis gegenüber unserer Initiative. Also war das nicht der eigentliche Grund der abwartenden bis ablehnenden Haltung.
Zwei Sprecher einer namhaften Partei, mit denen ich verhandelte, übermittelten mir zwei Botschaften:
1. Wenn wir eine Demo machen, dann prägen wir sie und entscheiden über das Wie und Wann.
2. Lichterumzüge sind passé. Das bringt niemanden mehr auf die Strasse. (Die späteren Erfahrungen zeigten, dass viele Lichter-Kundgebungen grosse Anziehungskraft hatten.) Mit kirchlichen Kräften sei es mühsam: die würden ja nichts für den Frieden tun.
Sprecher einer anderen Partei teilten mir mit, dass sie nur mitmachen würden, falls andere bedeutende Gruppierungen der Linken mitwirkten. Strategische Überlegungen, nicht inhaltliche (ethische), setzten sich also durch.
Später zeigten sich mehr und mehr Anzeichen, dass die erwähnten Gruppierungen untereinander Distanz vereinbart hatten.
Wie naiv war doch mein Glaube, es könnte möglich sein, dass die «Kleinen» die «Grossen» zur Zusammenarbeit motivieren könnten. Doch: Die kleinen Gruppen dürfen mitmachen, vielleicht Vorschläge einbringen, aber nicht prägen. Wie naiv war doch meine Annahme, bei linken Gruppierungen sei das Status-Denken nicht so bestimmend. Inhalt und Ziele von «Rechten» und «Linken» sind zwar unterschiedlich; die Machtstrukturen und Verhaltensmuster ähneln sich aber.
Ganz klar: Diese und ähnliche bedeutende Gruppierungen verstehen sich als «Leader» von Friedensaktionen. Die Art wie sie ihre Führungsrolle wahrnehmen, unterscheidet sich wahrscheinlich nur unwesentlich vom Führungsverständnis rechts stehender Parteien, auch wenn sie dies zweifellos vehement bestreiten würden. Die intellektuellen Selbstbilder stimmen sicherlich nicht mit ihrem eigenen Verhalten überein.

Abgrenzung – Ausgrenzung – Feindschaft
Hinzu kommt, dass wir kleinen gesellschaftspolitischen Gruppen weniger Kanäle zu den Medien haben, als etablierte Kräfte wie etwa Parteien. Um gleiche Resultate zu erzielen, müssen wir uns doppelt einsetzen, ähnlich wie die Frauen in der Politik mehr leisten müssen als Männer, um ernst genommen zu werden.
Wie gross und lange wäre der Lichterumzug gewesen, wenn ihn nicht nur drei Menschen, sondern sechs, neun oder gar zwölf organisiert hätten – und wenn wir uns noch zwei Wochen mehr Zeit eingeräumt hätten?
Unsere Mobilisierungskraft liegt im Zusammenhalt und in der Kreativität. Die Entwicklung kreativer, ganzheitlicher Ausdrucksformen von konstruktivem Protest wäre wohl eine sehr nötige und wunderbare Aufgabe kleinerer Bewegungen, die sich im Bereich der Bewusstseins-Entwicklung ansiedeln.
Der Prozess von der forcierten Abgrenzung zur Ausgrenzung und damit zu Feindschaft und letztlich zu Krieg geht oft rasch voran. Er keimt in den Köpfen und Herzen, wie auch umgekehrt gilt: im Kopf und im Herz beginnt der Friede. Nur hier.
Entsetzliche Kriege finden auf der Erde statt, Hungersnöte und Verelendung. Entschiedene Friedensarbeit täte Not. Statt dessen tun wir uns Privilegierte so schwer damit, unsere Friedenskräfte zu bündeln, uns an einen Tisch zu setzen. Es ist entsetzlich.

Die Kirche
Ich bat den Redaktor einer katholischen Zeitschrift, in seiner Zeitschrift auf unsere kommende Friedenskundgebung hinzuweisen. Anfänglich war er sehr empört: Wie ich nur dazu komme, eine kirchliche Zeitschrift für einen Demo-Aufruf anzufragen? – Sie würden doch nicht zu Demos aufrufen! Ich beschwichtige: Es gehe doch auch um christliche Anliegen: um Versöhnung, um Friede. Das sei doch ein christliches Anliegen, oder nicht? Er beruhigte sich.
Ich dachte: Versteht sich dann Kirche als ein Ereignis, das sich hinter den Kirchenmauern abspielt? Ist denn die Strasse kein Platz für die Kirche? Wo soll sich Spiritualität denn abspielen, wenn nicht dortr, wo die Menschen sind, auf den Strassen und Plätzen?
Oft kam uns auch Wohlwollen entgegen. Man versprach uns, Flugblätter aufzulegen. Direkte Aufrufe – etwa von der Kanzel herab – wurden abgelehnt. Ausser die City-Kirche konnten wir keine Kirchgemeinde als Mitunterzeichnerin gewinnen, geschweige denn zur aktiven Mitarbeit und Mit-Organisation. Immerhin freute es uns, dass mehrere Kirchgemeinden zusagten, unsere Flyers aufzulegen.

Die NGOs
Eine weltweit mächtige NGO lehnte eine aktive Beteilung an den Vorbereitungen ab. Sie wolle sich politisch nicht binden, verstehe sich eher als neutrale Kraft. Das hinderte sie allerdings nicht, an der grossen Friedensdemonstration vom 15. Februar in Bern in der Trägerschaft aufzutreten. Sobald eine Kundgebung eine massgebende kritische Grösse erreicht hat, will man plötzlich nicht mehr abseits stehen, dann gelten die vorher geäusserten Argumente der Abgrenzung nicht mehr.

Vereinzelung der Kräfte des Friedens
Ich weiss es von verschiedenen Stimmen von Insidern: Die Kräfte des Friedens tun sich sehr schwer damit, eine friedvolle Zusammenarbeit aufzubauen, sich an einen Tisch zu setzen. Auf den Transparenten steht Solidarität und in der tristen Wirklichkeit der Zusammenarbeit findet sie nur ansatzweise statt. Was steht im Wege? – Das Gruppen-Ego. Ich finde das traurig und schrecklich. Bräuchte es nicht regelmässige Friedenskonferenzen, damit kraftvolle Friedens-Netzwerke entstehen können?
Ausgrenzungs- und Ausstossungsprozesse laufen häufig verbal ab. Es gibt immer mehr Worte, die wir als Schimpfworte benützen und Worte, «die man nicht benützen sollte». Die Mitarbeiterin einer christlichen Institution beispielsweise rügte uns, weil das Wort «Völker» auf unserem Aufruf vorkam. Dort hiess es: «Viele Völker – eine Menschheit – eine Erde». Die Frau sagte uns, dass man dieses Wort nicht gebrauchen sollte, da es an das nationalsozialistische Wort «völkisch» erinnere.

Protest ausdrücken ... oder lieber nicht?
PolitikerInnen der Linken fanden mehrheitlich, dass wir den Friedensaufruf zu wenig scharf und prägnant formuliert hätten. Eine prägnante Formulierung wie «Nein zu Bush» oder so etwas wäre ihnen lieber gewesen. Leute, die sich weniger als politische Menschen verstehen und sich einem sozialen-spirituellen-künstlerischen Umfeld verbunden fühlen, fanden den Text dagegen scharf und militant.
Die einen denken, es sei falsch, Missstände scharf zu verurteilen, weil dadurch eine feindselige Polemik Auftrieb erhielte. Diese Einstellung führt oft dazu, dass pointierte Aussagen ausbleiben und jeglicher Protest erlischt. Im Schatten der Verstummten führen die Gewaltbereiten dann ihre Feldzüge. Das andere Extrem sind undifferenzierte, ungerechte und damit falsche Urteile, die Feindbildern Vorschub leisten. Beide Extreme tragen dogmatische Züge. Sie zweifeln nicht an der Richtigkeit ihrer einseitigen Position und wenden sich zunehmend voneinander ab. Ich bedauere das ausserordentlich. Auch hier wartet ein leerer Tisch auf Dialogbereite.

Wo der Friede beginnt
Friede beginnt in unseren Köpfen und in unseren Herzen. Die Not sollte uns endlich dazu bringen, über unsere Schatten, von denen hier die Rede ist, zu springen.
Wäre es nicht eine mögliche Aufgabe von bestehenden Organisationen und Netzwerken, Wege zu finden, um integrative Kräfte des Friedens an einen Tisch zu bringen? Könnte es nicht eine sinnvolle Aufgabe einer Tagungsstätte sein, Raum anzubieten für zusammenarbeitswillige Gruppierungen im Bereiche der Friedensarbeit? Ich hoffe, dass in den Institutionen, denen Friede ein Hauptanliegen ist, Kräfte der Erneuerung wirksam werden.
Ein kontinuierlicher, integrativer Friedensrat, heterogen zusammengesetzt, kombiniert mit regelmässigen Vernetzungstreffen verschiedenster Friedens-Bewegungen könnte helfen, die Kraft des Friedens dauerhaft aufzubauen. Eine Friedens-Präsenz, die sich immer wieder neu und kreativ, in verschiedensten Formen ausdrücken könnte.


Werner Binder ist Psychotherapeut in Zürich. Er ist Initiant der Gruppe Sebil, die regelmässig Veranstaltungen zu öko-spirituellen und politischen Themen durchführt.
Kontakt: Werner Binder,Psychologe SBAP, Einzel- u. Paartherapie, Limmattalstr. 50, 8049 Zürich, Tel.: 01 342 43 53, e-mail: info@sebil.ch; www.sebil.ch


11200 anschl.

Zitate:

Wie naiv war doch meine Annahme, bei linken Gruppierungen sei das Status-Denken nicht so bestimmend. Inhalt und Ziele von «Rechten» und «Linken» sind zwar unterschiedlich; die Machtstrukturen und Verhaltensmuster ähneln sich aber.


Ich weiss es von verschiedenen Stimmen von Insidern: Die Kräfte des Friedens tun sich sehr schwer damit, eine friedvolle Zusammenarbeit aufzubauen, sich an einen Tisch zu setzen. Auf den Transparenten steht Solidarität und in der tristen Wirklichkeit der Zusammenarbeit findet sie nur ansatzweise statt.

Die einen denken, es sei falsch, Missstände scharf zu verurteilen, weil dadurch eine feindselige Polemik Auftrieb erhielte. Im Schatten dieser Verstummten führen die Gewaltbereiten dann ihre Feldzüge. Das andere Extrem sind undifferenzierte, ungerechte und damit falsche Urteile, die Feindbildern Vorschub leisten.


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