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Hans-Peter Studer
Mysterium Geld

Das Wesen des Geldes verstehen lernen heisst, die Zukunft neu gestalten

Geld ist in unserer neuzeitlichen Gesellschaft ein Tabu, das noch nie wirklich hinterfragt wurde. Das sagt ausgerechnet der ehemalige belgische Zentralbankier und Währungshändler Professor Bernard Lietaer. Er hat zwei aussergewöhnliche Bücher geschrieben: „Mysterium Geld" und „Geld der Zukunft". Darin zeigt er auf eindrückliche Weise, dass die Art unseres Geldes wesentlich mit der jahrtausendelangen Unterdrückung weiblicher Werte zusammenhängt. Entsprechend regiert Geld heute die Welt. Das müsste nicht so sein: Wir können den Charakter des Geldes so verändern, dass es wieder dem Leben dient.

Es war einmal eine Zeit, da arbeiteten die Menschen im Durchschnitt sechs Stunden pro Tag und nur vier Tage pro Woche. Zusätzlich erfreuten sie sich jährlich an mindestens 90 offiziellen Feiertagen und genossen täglich vier reichhaltige Mahlzeiten mit mehreren Gängen. Dies war nicht nur bei der Oberschicht so, sondern auch bei den einfacheren Leuten, die über kein eigenes Land verfügten.

Das Hochmittelalter als Blütezeit der europäischen Kultur
Das ist nicht etwa ein schönes Märchen, sondern es war einmal Realität - bei uns hier in Europa, in der Zeit des Hochmittelalters von ungefähr 1000 bis 1300 n.Chr. Damals lebten die Menschen zunehmend in einem beachtlichen Wohlstand, der auf alle Bevölkerungsschichten verteilt war. Gewerbe und Handel blühten, neue Bewässerungssysteme wurden gebaut und Land urbar gemacht. Zudem war dies die Zeit der grossen Kathedralen: Über Generationen hinweg entstanden riesige, filigrane Zeugnisse menschlicher Schaffenskunst, die noch heute unzählige Touristen in ihren Bann ziehen.
Erstaunlicherweise waren die meisten dieser Kathedralen einer Frau - der Jungfrau Maria - geweiht: Nôtre Dame de Paris, Nôtre Dame de Chartres etc. Überhaupt kam den Frauen damals eine wichtige gesellschaftliche Stellung zu. Viele von ihnen waren eigenständige Gewerbetreibende und Unternehmerinnen, Wächterinnen, Steuereintreiberinnen, Musikerinnen, Schriftstellerinnen, Heilkundige. Manche wirkten darüber hinaus in weltlichen und kirchlichen Führungspositionen. Zudem wurden auf Münzen - wie kaum je zuvor und selten danach - auch Frauen abgebildet, die tatsächlich lebten, zum Beispiel Äbtissinnen.

Geld, das zu horten sich nicht lohnte
Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass in dieser Zeit die Städte, die lokalen Fürsten, Äbte und Äbtissinnen das Recht hatten, eigenes Geld herauszugeben, mit dem es eine besondere Bewandtnis hatte: Vorerst alle fünf bis sechs Jahre und später auch in kürzeren Abständen wurde es verrufen, das heisst, es musste gegen neues Geld eingetauscht werden. Dabei war es üblich, dass drei neue gegen vier alte Münzen eingewechselt werden mussten. Vom Gewinn lebte der jeweilige Fürst oder Abt - mehr und mehr anstelle sonstiger Steuern und Abgaben.
Man nannte dieses System damals „Renovatio Monetae". Eine weitverbreitete Ausprägung der immer wieder mit einem Abschlag, einer Demurrage, versehenen lokalen Geldsysteme waren die sogenannten Dünnpfennige, die „Brakteaten". Das waren sehr dünne Silbermünzen, die nur einseitig geprägt wurden. Sie dienten als lokale Tauschwährung. Gold- und massive Silbermünzen gab es damals zwar auch, sie wurden jedoch zur Hauptsache im Fernhandel und zum Kauf von Luxusgütern verwendet.
Die lokalen Demurrage-Währungen waren beim Volk zwar verständlicherweise nicht sehr beliebt. Sie hatten jedoch zur Folge, dass die Kaufkraft der Währungen in fast ganz Europa während langer Zeit sehr stabil blieb. Das heisst, es gab damals kaum Inflation. Zudem erhöhte sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Denn nun war kaum mehr jemand daran interessiert, diese Dünnpfennige als Ersparnis auf die Seite zu legen.
Das lokale Geld wurde vielmehr rasch wieder ausgegeben und - auch zugunsten künftiger Generationen - in langfristige Investitionen gelenkt: in die Verbesserung des Bodens, der Verkehrswege, der Produktions- und Bewässerungsanlagen, in Wind- und Wassermühlen, in Weinpressen und in die besagten Kathedralen. Diese hatten nämlich nebst der religiösen und spirituellen Bedeutung auch eine wichtige ökonomische Funktion: Sie zogen Pilger an, die der betreffenden Stadt über viele Generationen hinweg zusätzlichen Wohlstand bescherten.

Der Archetyp der „Grossen Mutter"
In seinem Buch „Mysterium Geld" erläutert der ehemalige belgische Zentralbankier und Währungshändler Bernard Lietaer all diese, in unserem heutigen Geschichtsbild oft nicht enthaltenen Gegebenheiten auf faszinierende Weise. Und er macht deutlich, dass sie nicht einfach zufällig nebeneinander stehen, sondern dass es Zusammenhänge zwischen ihnen gibt - nicht nur zwischen der Art der verwendeten Währungen und dem damaligen wirtschaftlichen Aufschwung, sondern auch hinsichtlich der Rolle der Frau und des Weiblichen.
Das Hochmittelalter bildete nämlich eine der wenigen Epochen in einer mehr als 5000-jährigen Geschichte des Patriarchats und partiarchaler Werte, in denen das Weibliche und die Frauen nicht unterdrückt wurden. Diese patriarchalen Werte hängen nicht zuletzt mit unserem Gottesbild zusammen - im Christentum beispielsweise sind alle drei Teile der heiligen Dreieinigkeit männlich.
Wie Lietaer deutlich macht, haben sie aber auch mit der Unterdrückung des Archetyps der lebensspendenden „Grossen Mutter" zu tun. Ein Archetyp ist ein starkes, kollektiv verinnerlichtes und meist unbewusstes Bild, das dennoch wegleitend für unser Fühlen und Handeln ist. Wenn ein Archetyp unterdrückt wird, verschwindet er nicht, sondern manifestiert sich in seinen Schatten. Beim Archetyp der Grossen Mutter sind es die Schatten der Gier und der Angst vor Knappheit.

Die Schatten patriarchaler Monopolwährungen
All dies wiederum hängt sehr direkt mit der Art des gebräuchlichen Währungssystems zusammen. Eine patriarchale Währung ist eine zentralistische, früher von einem König oder Kaiser und heute von einer Nationalbank herausgegebene Monopolwährung. Sie duldet grundsätzlich keine komplementären Währungen neben sich, wie das seinerzeitige Experiment mit einer Lokalwährung in der österreichischen Kleinstadt Wörgl deutlich machte, das trotz seines eindrücklichen Erfolgs anfangs der Dreissiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts von der Nationalbank abrupt gestoppt wurde.
Damit eine auf Schuldverpflichtungen beruhende Monopolwährung ihren Wert behält, muss sie knapp sein. Diese Knappheit vergrössert sich noch mit dem Anreiz und der Möglichkeit, dieses zentralistische Geld horten zu können. Beides wird dank dem Zins und Zinseszins zusätzlich gefördert - und hat dann eben Gier auf der einen und Knappheit auf der anderen Seite zur Folge.
Verbindendes Element zwischen diesen beiden Schatten des unterdrückten Archetyps der Grossen Mutter ist die Angst, die Angst vor dem Verlust der zusammengerafften Schätze und die Angst vor dem Mangel an Geld, heute zudem auch die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Der Kampf um das knappe und knapp gehaltene Monopolgeld führt damit sehr direkt zu einem weiteren Merkmal patriarchaler Gesellschaften, nämlich zu einer Überbetonung von Wettbewerb und Konkurrenz, die schliesslich auch in Kriege münden können - Erscheinungen, die uns bis heute noch nur allzu vertraut sind.

Getreidegutschriften als Landeswährung
Dass diese Zusammenhänge zwischen dem gesellschaftlichen Stellenwert des Weiblichen, der Art des Währungssystems und dem wirtschaftlichen Wohlergehen nicht nur rein spekulativer Natur sind, verdeutlicht Bernard Lietaer an einem weiteren historischen Beispiel.
Im alten Ägypten gab es ebenfalls eine Zeit, in der wie im europäischen Hochmittelalter zwei Währungen parallel verwendet wurden. Für den Fernhandel gebrauchte man ausländische Münzen. Als landesinterne Währung jedoch wurde ein Geldsystem verwendet, das sogar noch höher entwickelt war als dasjenige im Hochmittelalter. Es bestand aus Lagerquittungen für Getreide in Form von Tonscherben, auf denen amtlich vermerkt war, zu welchem Zeitpunkt welche Menge Getreide in einem Speicher eingelagert worden war.
Diese Quittungen, Ostraka genannt, wurden dann auch als Geld zum Tausch von Waren verwendet. Dieses System war ebenfalls mit einem Abschlag verbunden, der das Horten verhinderte und das Geld im Umlauf hielt. Und zwar bestand die Demurrage hier in einer zeitabhängigen Lagergebühr, die dann fällig wurde, wenn jemand das auf dem Ostrakon vermerkte Getreide wieder aus dem Speicher abholen wollte.
Diese ägyptische Komplementärwährung wurde somit nicht von einem Pharao zentral geschöpft und knapp gehalten, sondern sie entstand gleichsam von unten her, mit der Menge des produzierten und eingelagerten Getreides. Auch sie hatte eine - noch weit längere - Phase der wirtschaftlichen Prosperität zur Folge. Nicht von ungefähr galt Ägypten damals als Kornkammer der Antike und als reichstes Land der bekannten Welt.

Die Wertschätzung der Frau im alten Ägypten
Interessanterweise war darüber hinaus im alten Ägypten auch die Stellung der Frau eine ganz andere als sonst üblich. Sie war in den meisten gesellschaftlichen Bereichen dem Mann gleichgestellt und zum Beispiel im Eherecht weit besser geschützt als in umliegenden Ländern. Ägyptische Frauen konnten Grundbesitz und persönliches Eigentum erwerben, besitzen und verkaufen. In öffentlichen Ämtern waren sie zwar relativ selten vertreten, allerdings gab es in der Zeit von 3000 bis 1000 v.Chr. vier Frauen, die offiziell die mächtigste Position im Land, diejenige des Pharaos, inne hatten.
Zudem wurde zu jener Zeit mit Isis eine Frau als höchste ägyptische Gottheit verehrt. Ihr kam eine herausragende Stellung als Erlöserin und als Quelle der Weisheit und des Lebens zu. Oft wird sie als lebensspendende Mutter zusammen mit ihrem Sohn Horus gezeigt. Sie bildet damit eine direkte Vorläuferin für die Darstellungen der Mutter Gottes mit dem Jesuskind und im besonderen für die Schwarze Madonna, deren Farbe das Weibliche in seiner eigenen Machtform symbolisiert. Wie Lietaer aufzeigt, erhielt die Gestalt der Schwarzen Madonna genau zu jener Zeit des Hochmittelalters eine herausragende Bedeutung, als auch die damaligen Demurrage-Währungen weit verbreitet waren.

Parallelen des wirtschaftlichen Niedergangs
Eine weitere Parallele zwischen dem alten Ägypten und dem Hochmittelalter besteht darin, dass beide Epochen ein abruptes Ende fanden, als die Demurrage- von Monopol-Währungen abgelöst wurden. Im Ägypten geschah dies unter dem Einfluss der Römer, die dort ihr eigenes Geldsystem und mit ihm den Zins einführten. Als Folge verarmte Ägypten rasch und wurde nach einer jahrtausendelangen Blütezeit zu einem Entwicklungsland, als das es bis heute gilt. Gleichzeitig verschwand auch der Isiskult, und die vergleichsweise privilegierte Stellung der Frauen löste sich auf und wich wieder der Unterdrückung.
Im Mittelalter hatte das Verschwinden der lokalen Demurrage-Währungen zwei Gründe. Einerseits missbrauchten manche lokalen Machthaber das System dahingehend, dass sie das Geld immer rascher verriefen, um sich so persönlich bereichern zu können. Zum anderen zentralisierte sich die staatliche Macht immer stärker. Ende des 13. Jahrhunderts war das französische Königreich so gross geworden, dass die Münzen nicht mehr verrufen werden konnten. Nicht zuletzt zur Finanzierung von Kriegen, die nun Europa überzogen, beanspruchten die Könige das Recht zur Geldschöpfung wieder für sich allein.
Die Folgen für die Bevölkerung, die zuvor markant zugenommen hatte, waren dramatisch. Mit dem Verschwinden der Demurrage-Währungen kam es zu einem wirtschaftlichen Niedergang, zu Hungersnöten und zu einem deutlichen Bevölkerungsrückgang. Dieser beschleunigte sich zusätzlich, als fünf Jahrzehnte danach die Pest ausbrach. Auch mit der gleichberechtigten Stellung der Frau hatte es nun für viele Jahrhunderte ein Ende. Die jetzt einsetzenden Hexenverfolgungen führten zu einer nie dagewesenen Unterdrückung des Weiblichen und mancherorts zu einer eigentlichen Ausrottung der Frauen - mit anderen Worten zu einem tatsächlichen Rückfall ins „finstere Mittelalter", das uns als solches aus der offiziellen Geschichtsschreibung bekannt ist, aber eigentlich nur die Zeit des Spätmittelalters betrifft.

Komplementärwährungen im Trend einer neuen Zeit?
Heute nun leben wir in einer Zeit, in der das Weibliche allmählich wieder einen grösseren Stellenwert erhalten hat. Interessanterweise ist es auch eine Zeit, in der lokale Komplementärwährungen gleichsam aus dem Boden spriessen. Während anfangs der 80er Jahre erst eine Komplementärwährung - nämlich das WIR-Geld in der Schweiz - existierte, sind es heute weltweit bereits 2600 lokale Währungssysteme, von Time Dollars oder LETS bis hin zu Ithaca Hours und Talenten.
Sind sie gleichsam Zeichen und Vorboten einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Werte wie Kooperation, Gerechtigkeit, Mässigung und Rücksichtnahme einen neuen Stellenwert erhalten und uns davor bewahren, unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Selbstzerstörung des Immer-Mehr und Nie-Genug bis zum bitteren Ende fortzuführen? Lesen Sie mehr dazu im folgenden Interview mit Bernard Lietaer.


Komplementärwährungen als Lösungsansatz für unsere gesellschaftlichen Probleme

Professor Lietaer, eines Ihrer beiden Bücher heisst „Mysterium Geld". Warum ist das Geld ein Mysterium?
Das Geldsystem wird in jeder Gesellschaft als etwas Transparentes und als einzig mögliches erachtet. Das war zu allen Zeiten so, auch als die Leute noch Federn oder Salz als „Geld" benutzten. Wenn aber etwas ganz selbstverständlich ist, dann bedeutet das auch, dass es uns nicht wirklich bewusst ist. Und das, wessen wir uns nicht bewusst sind, ist immer das grösste Mysterium.

Es gibt ja auch die Redewendung „Über Geld spricht man nicht".
Das ist ein Aspekt davon. Geld ist ein Tabu. Es ist unhöflich, jemanden zu fragen, wieviel Geld er hat und woher es kommt. Auf der archetypischen Ebene sind die drei grössten Tabus in unserer Gesellschaft Sexualität, Tod und Geld. Alle drei stammen eigentlich vom selben Archetyp ab. Dieser Archetyp, nämlich derjenige der „Grossen Mutter", wird in unserer Kultur unterdrückt.
Das Interessante ist, dass wir in den Sechziger und Siebziger Jahren mit der sexuellen Revolution das Tabu der Sexualität angegriffen haben. In den Achtziger und Neunziger Jahren mussten wir dann aufgrund der AIDS-Problematik zusätzlich das Tabu des Todes angehen und auch mit unseren Jungen über Tod und Sexualität sprechen. Weil alle drei Tabus denselben Ursprung haben, glaube ich, dass wir nun das dritte Tabu, das Mysterium Geld, ebenfalls angehen werden. Ich fordere mit meinen Büchern sozusagen das letzte Tabu der Gesellschaft heraus.

Welche Rolle spielt dabei der Archetyp der „Grossen Mutter"?
Die „Grosse Mutter" war ein sehr wichtiger Archetyp in unserer menschlichen Geschichte. Sie war die überragende Gottheit, vielleicht zehnmal länger als unserer männlicher, patriarchaler Gott, an den wir heute gewohnt sind. Sie war weltweit sehr weit verbreitet. Aber die Grosse Mutter erlebte in den vergangenen 6000 Jahren eine schlechte Geschichte. Sie wurde in jeder Zivilisation, die wir als höhere bezeichnen, unterdrückt.

Mit entsprechenden Folgen?
Wenn ein Archetyp unterdrückt wird, dann meldet er sich als Schatten zurück, eigentlich als zwei polare Schatten. Im Fall des Archetyps der „Grossen Mutter" sind es Gier und Knappheit, wobei es die Angst ist, die diese Schatten schöpft. Wir haben auf diesen Schatten unser Geldsystem errichtet, und auch die gesamte moderne Ökonomie baut seit Adam Smith darauf auf. Das Geld muss knapp sein, sonst hat es keinen Wert.
Seit ungefähr 500 Jahren haben wir zudem die Zinsen, die das unendliche Akkumulieren von Geld und damit auch die Gier fördern. Sie sind ein Mechanismus, der die Gier rechtfertigt. Wenn man Sicherheit will, muss man viel Geld akkumulieren. Das ist in unserem kollektiven Denken der einzige Weg, um vor der Zukunft sicher zu sein. So gesehen ist Ökonomie dann die Allokation knapper Ressourcen durch individuelle Gier. Wir haben also eine ganze Theorie entwickelt, die auf diesen Schatten basiert. Der Schlüssel dazu ist unser „modernes" Geld.

Das allerdings ist den meisten Ökonomen gar nicht bewusst?
Interessanterweise tun die Ökonomen so, als sei Geld völlig transparent. Man kann ein Doktorat haben in Ökonomie und nie wissen, was Geld ist. Man weiss zwar viel darüber, was Geld tut, aber was Geld ist, diese Frage darf man nicht stellen. Geld ist lediglich eine Vereinbarung, kein Ding. Es ist eine Vereinbarung in einer Gesellschaft, und folglich können wir sie auch ändern.

Entsprechend kann Geld ganz verschiedene Ausprägungen haben?
Das beste Konzept, das ich bis jetzt gefunden habe, ist das taoistische Yin-Yang-Konzept. Alle unsere indogermanischen Sprachen trennen. Wenn man bei uns ein Wort, ein Konzept definiert, ist es immer durch Trennen. Die Taoisten machen das anders, sie definieren die zwei Gegensätze als Teil eines Ganzen auf einer höheren Ebene.
Wir haben Yang-Geld. Das ist unser normales Geld. Es ist hierarchisch, und es ist knapp. Es akkumuliert, und es schafft Wettbewerb. Es ist ein patriarchales Konstrukt. In matrifokalen Gesellschaften, die das Weibliche ehrten, hatte man demgegenüber kein Monopol des Geldes als Spitze einer Hierarchie. Dort hatte man vielmehr zwei verschiedene Geldsysteme. Ein Yang-System für den Fernhandel und ein Yin-System für den internen Tausch.
Dieses lokale Geld war nicht hierarchisch, sondern völlig demokratisch. Es war auch nicht knapp. Die Leute selbst schöpften das Geld, zum Beispiel die Bauern in Ägypten, indem sie das Getreide in den Speicher brachten. Es war ein Geld, das Kooperation und nicht Wettbewerb hervorrief. Es war auch ein Geld, das floss und sich nicht konzentrierte. Es war ein Liegegeld mit einer Liegegebühr, entsprechend den Lagerkosten. Wenn man eine solche Art von Yin-Geld hat, dann besteht absolut kein Interesse, es zu akkumulieren. Darum fliesst das Geld in alle Ebenen der Gesellschaft. Auch die Armen hatten Zugang zu Geld. Das ergab eine ganz andere Dynamik.

Das damalige Geld kam also allen Bevölkerungsschichten zugute?
In London hat man zum Beispiel beim Bau der U-Bahn interessante Entdeckungen gemacht. Unter anderem wurden die gefundenen Gebeine aus der prähistorischen Zeit bis heute systematisch untersucht. Wir meinen heute, wir seien grösser sind als die früheren Generationen. Der normale Mann in London im Hochmittelalter war jedoch fast so gross wie wir heute und zudem sehr stark. Und die Frauen waren damals im Durchschnitt sogar einen Zentimeter grösser als die Frauen heute! Der Wendepunkt in der durchschnittlichen Körpergrösse kam dann im 14. Jahrhundert und zwar vor dem Ausbruch der Pest.
Das alles ist ein starkes Indiz für die damalige Lebensqualität, die im Gegensatz zu später auch den unteren Bevölkerungsschichten zugute kam. Die Leute arbeiteten damals vier Tage pro Woche, hatten 90 Tage Ferien im Jahr, sechs Stunden Arbeit pro Tag, vier Mahlzeiten - auch die Leute ohne eigenes Land. Als der Graf von Sachsen versuchte, die tägliche Arbeitszeit von sechs auf acht Stunden zu erhöhen, gab es eine Revolution. Heute können wir davon nur träumen. Damals gab es insgesamt eine bessere Ernährung und eine bessere Lebensqualität. Das ist eigentlich sehr schockierend.

Immerhin sind die Frauen und das Weibliche heute im Begriff, wieder einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft zu erhalten, und auch die Frage nach unserem Geld und seinen Wirkungen wird vermehrt gestellt?
In den vergangenen 50 Jahren sind wir noch nicht auf einer matrifokalen Ebene angelangt. Aber es ist deutlich, dass Frauen heute gebildeter sind als früher. Sie haben mehr Freiheit und ökonomische Unabhängigkeit. Wir haben auch ein neues Bewusstsein von der Wichtigkeit des Weiblichen in unserer Gesellschaft. Das wachsende ökologische Bewusstsein ist nur eines der Zeichen dieses Wandels. Selbst ein Phänomen wie das Internet gehört dazu. Ein Computer an sich ist ganz Yang, aber diese Computernetze sind ganz Yin, chaotisch und unendlich. Das Konzept des Chaos stammt aus dem Sanskrit und bedeutete ursprünglich „unendliches Werden". Genau das ist das Internet.
Ein weiteres Phänomen sind die Yin-Komplementärwährungen, die innert kurzer Zeit und ohne vorgängigen Crash weltweit entstanden sind. Daran wird wiederum ersichtlich, dass die archetypische Ebene des Geldes verbunden ist mit der Rolle des Weiblichen in einer Gesellschaft und dass daraus ganz neue Möglichkeiten entstehen. Ich bin deshalb sehr optimistisch für die Zukunft.

Komplementärwährungen sind also ein wichtiger Schlüssel zur Lösung wichtiger Probleme unserer Gesellschaft?
Ich nenne diese Währungen komplementär, weil sie das normale Geld nicht ersetzen und auch dem normalen Geld keine Schwierigkeiten bereiten. Das ist wichtig zu begreifen. Darum ist es kontraproduktiv, das zu stoppen zu versuchen. Wir haben heute ganz verschiedene, schwerwiegende Probleme: Die Überalterung der Gesellschaft, die Arbeitslosigkeit, das Umweltproblem und die Währungsinstabilität. Sie alle können wir mit komplementären Währungen angehen.
Wie etwa wollen wir das mit unserem normalen Geldsystem bezahlen, wenn statt in den Sechziger Jahren 9% plötzlich 25% der Bevölkerung über 65 Jahre alt sind? Die Japaner sind hier einen sehr kreativen neuen Weg gegangen, nämlich über Zeitgutschriften. Sie haben ein anderes Geld geschöpft. Es heisst „Hureai Kippu", was soviel bedeutet wie „Pflege-Beziehungs-Gutschrift".

Wie funktioniert dieses System?
Wohnt eine ältere Person in meiner Strasse, die keine Einkäufe mehr machen und sich zuhause nicht mehr selber helfen kann, dann müsste sie in ein Altersheim. Das kostet viel. In Japan gilt: Ich kaufe für diese Person ein, ich helfe ihr bei der Essenszubereitung oder beim Baden, und dafür erhalte ich Kredit gemäss einem Tarif. Die Einheit sind Pflegestunden und nicht Yen. Zwischen neun und fünf gilt eine Stunde für eine Stunde, ausserhalb dieser Zeitperiode sind es 1,5 Stunden, für Körperhilfe sogar 2 Stunden pro geleisteter Stunde.
Diese Zeiteinheiten werden mir auf meinem Konto gutgeschrieben, und wenn ich krank bin, kann ich mir damit selber helfen lassen. Viele Japaner schicken ihre Guthaben auch ihren Eltern, die in einer anderen Stadt oder in einem Dorf leben und die damit dort Hilfe in Anspruch nehmen können. Andere wiederum helfen aus Freude und schenken ihre Guthaben der Non-Profit-Organisation, die sie verwaltet.
Umfragen haben im übrigen gezeigt, dass die Japaner zufriedener sind mit den Leistungen des „Hureai Kippu"-Systems als mit denjenigen professioneller Pflegedienste. Sie sagen, dass die Beziehung zu den Pflegenden, die mit Zeitgutschriften entschädigt werden, eine andere Qualität hat. Das macht auch deutlich, dass Geld nicht einfach wertneutral ist, wie die ökonomische Theorie behauptet, sondern dass es einen klaren Einfluss auf die Art unserer Beziehungen hat.

Wie löst sich darüber hinaus das Problem der Währungsinstabilität über Tausch- geldsysteme?
Die Komplementärwährungen haben die Rolle eines Sicherheitsnetzes im Fall des Zusammenbruchs der herkömmlichen Währung. Ich bin der Meinung, dass der Crash in Deutschland in den zwanziger Jahren mit Komplementärwährungen hätte gelöst und damit das Entstehen des Nationalsozialismus hätte vermieden werden können. Ein Zusammenbruch in einem monopolisierten Geldsystem unterwandert die Demokratie. Sie ist dann gar nicht mehr möglich. Die ganze Mittelklasse verschwindet, und Angst macht sich breit. Das ist der Grund, warum ich glaube, dass es so wichtig ist, ein Sicherheitsnetz zu entwickeln, wobei ich noch immer hoffe, dass wir dieses Netz letztlich nicht brauchen werden.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für die Einführung einer Komplemen- tärwährung?
Die erste Bedingung ist Leadership. Die Basis eines Geldsystems ist immer Vertrauen. Es braucht deshalb Leute, die in den Augen anderer Menschen vertrauenswürdig sind. Die zweite Voraussetzung ist Professionalität. Viele Probleme entstehen, weil ein System nicht professionell geleitet wird. Ich denke, dass es Zeit ist, um zu beginnen, diese Dinge auch offiziell zu unterstützen. In mittlerweile dreissig Staaten der USA werden heute Angestellte dafür bezahlt, dass sie Time-Dollar-Systeme begründen. Diese Systeme funktionieren, sobald sie professionell geleitet werden. Heute besteht auch die erforderliche Computer-Software. Die Chinesen haben vor zwei Monaten ebenfalls mit einem „Hureai Kippu"-System begonnen. Dort leben mehr als eine Milliarde Menschen. Wir hier scheinen noch etwas zuzuwarten.

Eine weitere Voraussetzung für das Funktionieren einer Komplementärwährung ist wahrscheinlich ein genügend dichtes Netz von Anbietern und Nachfragern?
Ja, aber man kann auch über eine Clearingstelle mit anderen Systemen zusammenarbeiten. Wenn man über die 2600 weltweit existierenden Systeme tauschen kann, dann ist dieses System natürlich viel besser als ein kleiner Tauschring. Diese Vernetzung ist ein Ziel, das allerdings nicht von allen gewünscht wird. Es ist nur eine Möglichkeit. Aber wenn Sie zum Beispiel nach Mexiko gehen, dann gehen Sie dort auf eine Bank und holen Pesos. In den Ferien ein anderes Geld zu gebrauchen finden wir ganz normal, und wenn das nicht möglich wäre, wäre es schwieriger zu leben.

Benötigen diese Komplementärwährungen für ihr Funktionieren einen Abschlag, oder reicht es, wenn kein Zins darauf bezahlt wird?
Wenn Geld eine Vereinbarung ist, kann man grundsätzlich vereinbaren, was man will. Ich kann selber sagen, ob ich das Geld annehme oder nicht und wenn ja, zu welchen Kondititionen. Das ist auch mit normalem Geld so. Es gibt keine allgemeine Regel, dass man sagen kann, es müsse unbedingt einen Abschlag geben. Viele dieser Systeme haben keinen Abschlag, und es steckt auch keine kommerzielle Absicht dahinter. Die Leute in Japan würden sich sehr wundern, wenn auf ihre Zeiteinheiten ein Abschlag erhoben würde.

Wie aber werden all jene reagieren, die von der heutigen Monopolwährung profitieren, wenn plötzlich immer mehr Komplementärwährungen entstehen?
Nietzsche hat gesagt: Geld ist das Brecheisen der Macht. Darum ist das Geldmonopol ein Machtmittel. Wenn die Menschen eine Möglichkeit haben, ihre Tauschbeziehungen anders zu regeln, dann vermindert das die zentralisierte Macht. Aber ich glaube, wenn wir in unserer Zivilisation mit ihrer zentralisierten Macht noch weiter fortschreiten, dann haben wir bald keine Zivilisation mehr. Unsere extrem zentralistische Entwicklung bedroht allmählich das Überleben auf dem gesamten Planeten. In Kalifornien habe ich ein kleines Schild gesehen: „No planet, no business."

Die heutigen Führungskräfte sehen das allerdings noch nicht so ganz ein. Die haben ihre Quartalszahlen und wollen mit ihren Unternehmen weiter wachsen?
Das, was ich gesagt habe, ist die Konsequenz, wenn wir weiterfahren mit diesem Spiel, wie es heute ist. Dann wissen wir eigentlich, wo es endet. Das macht keinen Sinn. Mein Ziel ist es, den Übergang, in dem wir heute bereits sind, sanft auszugestalten. Man kann einen solchen Übergang traumatisch bewerkstelligen - über ökologische und politische Zusammenbrüche -, oder man kann das auf zivilisierte Weise tun. Ich bin der Meinung, dass die zivilisierte Weise besser ist. Der sanfte Weg geht über komplementäre Geldsysteme. Das ist keine Revolution, da wird lediglich etwas ergänzt, was heute noch nicht besteht. Das ist eine realistische und im wahrsten Sinn naheliegende Möglichkeit.

Herzlichen Dank für dieses spannende und aufschlussreiche Interview!


Buchhinweis
Die beiden Bücher von Bernard A. Lietaer „Geld der Zukunft" (2.Auflage 1999) und „Mysterium Geld" (1. Auflage 2000) beide im Riemann-Verlag München erschienen können Sie zum Preis von Fr. 35.90 bzw. Fr. 37.80 bestellen. Email genügt.
Weitere Informationen zum Thema finden Sie auf der deutschen Homepage von Bernard Lietaer: www.futuremoney.de.


Mysterium Geld
Vom Fluch zum Segen
Unter diesem Titel findet am 15. Juni 2001 an der Paulus Akademie Zürich eine Tagung statt, an der Professor Bernhard Lietaer im Zentrum stehen wird. Auskunft und Anmeldung bei Paulus-Akademie, Carl Spitteler-Strasse 38, 8053 Zürich-Witikon. Tel. 01 381 34 00, Fax 01 381 95 01, E-Mail: paz.es@bluewin.ch, Homepage: http://www.paulus-akademie.ch/veranstaltungen.

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